Spielberichte und Dokumentation - One-Shots, Kurzkampagnen und Spontanes

Eine Idee für ein Abenteuer? Oder sogar ein ganzes Abenteuer? Dann hier rein!
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CNQ
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Spielberichte und Dokumentation - One-Shots, Kurzkampagnen und Spontanes

Beitrag von CNQ » So 10. Nov 2019, 14:36

Servus,

in diesen Thread soll es um die Spielberichte bzw. schriftliche Dokumentation Eurer Abenteuer jenseits großer Kampagnen und fester Spielwelten gehen.
Wir z.B. spielen ab und an auch mal außerhalb unserer selbstgebastelten Welten Emmergens und Laeria oder bekannten Settings wie dem Star Wars-Universum als Hintergrund. Quasi ist das hier auch ein Gegenstück zum Thread Unerforschte Weiten - Ungespielte Welten.

Den Anfang mache ich mal mit dem Spielbericht zu einen kleinen Abenteuer welches ich an meinem Geburtstag vor wenigen Jahren für meine Freunde leiten durft. Hatte diesen auch mal im alten doder.org schon gepostet, also nicht verwundern wenn schon dem ein oder anderen bekannt :)
Spoiler:
Alles Verloren
Ein Rollenspielabenteuer in der Welt von „Der Hexer“

***
1267. ES WAR DER Spätsommer in die Grafschaft Ralberg im nördlichen Verden eingekehrt. Seit Wochen machten bereits die Gerüchte um die brutale Vorgehensweise nilfgaardischer Heermeister mit königlicher Duldung die Runde in dem kleinen Dorf Miesing am Krötenmoor. Man fragte sich wie sich der Graf verhalten mag und so mancher junger Bursche verschwand in der Nacht um sich im patriotischen Eifer den Rebellen des Prinzen Kistrin anzuschließen.
An einem doch recht kühlen Vormittag befand sich die Dorfgemeinschaft Miesings versammelt auf dem großen freien Platz zwischen Schmiede und dem Haus des Kräuterweibs. Entsetzten stand ihnen ins Gesicht geschrieben, einige Frauen schluchzten, andere hielten ihren Kindern die Hand vor die Augen. Auf dem nebelfeuchten Boden breitete sich langsam eine Blutlache aus.
„Dies passiert wenn man sein Land verrät, den Norden und die Götter!“ bellte der hochgewachsene Soldat in der gelb-schwarze karierten Rüstung.
„Der König hat all dies getan, so euer Graf und so auch dieser Hundedreck, den ihr euren Dorfältesten nanntet!“ er deutete mit der Schwertspitze auf den kopf- und leblosen Körper der vor ihm im Blut lag. Eine Vettel heulte auf. Im Rücken des Gerüsteten stand eine Formation von Soldaten mit einer verdischen Standarte, sowie ein kleiner Trupp Männer in blau. Auf ihren Schilden prangten stilisierte Lilien in Weiß. Ein Militärschreiber trat aus der Formation, stellte sich mit einem Räuspern neben den Kommandanten und rief:
„Gute Leute, hiermit wird im Namen Prinz Kistrin und der freiheitlichen Armee von Verden, euer Besitz annektiert und den kämpfenden Truppen zur Verfügung gestellt. Jedweder Widerstand wird …“
„Nichts hat er uns je gebracht, außer Schwierigkeiten …“ meinte die alte Witwe Rutwik zu den Umstehenden und nickte zur Leiche. „Erinnert ihr euch noch an die Sache mit …“
„Hat noch jemand das Bedürfnis Verrat am Vaterland und dem Norden zu begehen?“ unterbrach der Kommandant seinen Herold laut. Grimmig blickte er mit dem vernarbten Gesicht in die Menge. Einer der Bauer, Anbort von der Teeweide begann zu murmeln; „Wenn ich meinen Hof und die Viecher behalten kann?“, der stämmige Mann neben grunzte zustimmend, andere Dörfler nickten.
„Es gibt eine Frage?“ kläffte der Soldat und ein Raunen ging durch die Menschenmenge, unsichere Blicke wurden ausgetauscht. Die alte Rutwik trat aus dieser hervor, hob den Zeigefinger und begann mit ihrer zitternden Stimme zu sprechen:
„Werter Kommandant, wie sollen wir so weiter leben wenn wir nichts mehr haben, ohne das können wir niemanden dienen, auch nicht euch.“ Das Raunen der Umstehenden wurde lauter.
Am Rande der Dörfler stand eine junge Frau, unter ihrem Häubchen quollen wilde feuerrote Haare hervor. Iranna hatte die ganze Zeit das Ereignis stumm verfolgt. Dann näherte sie sich vorsichtig einem Unteroffizier, in ihrer Nähe an und fragte leise:
„Herr, mich als reisende Händlerin betrifft diese Annektierung doch nicht.“ Der Soldat verzog nun sein Gesicht zu einem gehässigen Grinsen, „Alles auf diesem Boden gehört nun Prinz Kistrin.“
„Aber mein Wagen ist mobil, er könnte nun genauso gut in Cidaris oder Kerack stehen.“ Doch der Soldat schüttelte nur zähnefletschend den Kopf.
Anbort beobachteten derweil die Situation mit dem Kommandanten, „Wir sind nicht die hellsten Köpfe hier, doch auch buckeln nicht vor jedem.“ dachte er mit leicht abfälligen Blick auf den Soldaten. Die alte Witwe begann so dann wieder zu sprechen während hinter Ihr die Menge ernst blickend nickte und raunte:
„Die letzten Winter waren hart, und wir sind nicht weit der Küste. Wir hatten die letzten Jahre arg Glück, dass uns diese Seeteufel von Skelliger nicht heimgesucht haben. Ich erinnere mich da noch an Zeiten … aber was ist Eurer Plan für unser Dorf?“
„Wollt Ihr uns zu Leibeigenen machen?“ rief Anbort laut in Richtung der Soldaten. Der Befehlshaber ging auf ihn zu, der Kopf schon vor Wut gerötet.
„Wollt Ihr lieber die Leibeigenen eines treulosen Königs sein, eines Verräters?“ Er blickte den Bauern dunkel an.
„Ich will kein Leibeigener sein und Niemandem gehören ... nicht Nilfgaard und auch nicht euch.“ erwiderte dieser hämisch. Rutwik kniff die Augen zusammen, und sah den Soldaten an wie es nur eine Vettel kann die ein Balg züchtigen will.
Entsetzen machte sich im Gesicht des Kommandanten breit. „Wie könnt Ihr es wagen?“ Auch die umstehenden Bauern warfen den Soldaten nun giftige Blicke zu. Diese sahen nur unsicher Ihren Anführer an und klammerten sich an ihre Gleven und Hellerbarden.
„Bande von Halsabschneidern!“ kam es aus dem Stämmigen mit erhobener Faust. Es war Hinrich der Schmiedegeselle des Dorfes. „Räuber in Uniform!“ schrie Anbort ihnen entgegen. Das Gemurmel der Bauernschar wurde lauter, Iranna sah unsicher die Parteien wechselnd an und kreuzte kurz den verachtungsvollen, schwenkenden Blick des Herolds. Dieser räusperte abermals, trat an seinen Befehlshaber und meinte;
„Ähm, Herr Kommandant?“ Dieser verstandt, wandte seinen Rücken zu den Dörflern und ging zwei Schritte in Richtung der Soldaten.
„Ihr wisst was zu tun ist, alles wird beschlagnahmt!“ brüllte er. Die Truppe nahm eine stramme Haltung an, umfassten ihre Stangenwaffen nun kräftig entschlossen.
Schmatzend drehte sich Rutwik um und begann in die Richtung Ihres kleinen reisiggedeckten Hauses zu humpeln. Ihre alten Glieder machten ihr schon lange das Gehen etwas schwerer. Anbort stand derweil noch entschlossen den Bewaffneten gegenüber und meinte nur, dass ihm ihre Farben egal seien. Dann machte auch er eine Kehrtwende und schritt in Richtung seines Hofes. Die Soldaten lösten so den Rest an Bauern und Handwerkern auf, und die junge Händlerin ging des Weges zum Dorfrand, wo sie ihren Wagen mit der gefleckten Stute abgestellt hatte.
Der Schmiedegeselle trat noch an den Leichnam des Dorfvorstehers hin und unter dem kritischen Blick eines Unteroffiziers schulterte er den Toten und schlief diesen zu dessen Witwe.
***
Es vergingen mehrere Minuten und eine der vielen aufgezogenen dunklen Wolken schob sich bedrohlich vor die Sonne, wodurch Miesing in eine fast abendliche Lichtstimmung getaucht wurde.
Als die Witwe Rutwik ihr Häuschen erreichte, nahm sie einen langen Holzstab und scheute damit ihre Tier aus deren Bestallungen. Die Tauben flatterten in den Himmel und die Kaninchen der alten Frau hoppelten recht zielgerichtet auf eine Wiese wo sie Gefallen am Löwenzahn fanden. In der engen Stube trat sie an die Feuerstelle, warf etwas trockenes Geäst und Reisig hinein und humpelte dann zur Schlafstatt. Die Wolldecke und ein kratzige Leinentuch, welches als Laken diente zog sie leicht zitternd vom Bett und legte beides in die Flammen. Einige Augenblicke später hatte beides Feuer gefangen, Rudwik fasste nach einem der Eckzipfel, mit Schwung warf sie die Decken auf das nun blanke Stroh im Bettkasten. Danach griff sie in eine Ecke und nahm ein längliches Lederbündel hervor. Die Vettel riss das dickere Ende auf und zog das sichtlich alte, aber gepflegte Schwert aus der Scheide. Es hatte ihrem Mann Hamka, genannt Ohneland, gehört und diesem schon öfters das Leben verlängert.
Zum Stich auf Kopfhöhe bereit stellte sie sich hinter der Haustür auf. Der Rauch biss in ihren Augen, doch sie dachte an die Erfahrung von vor langen Jahren, als sie in einer Höhle mit einem zwar netten aber doch sehr streng riechenden Troll war.
Anbort, der auch an seinem kleinen Gehöft ankam tat es der Witwe instinktiv gleich. Zusammen mit seinem treuen Hund Czarny, einem großen zotteligem Tier trieb er erst die Hühner aus dem Gatter dann die Kühe, welche sich zuerst von der Situation überfordert etwas zierten. Seiner Frau Mariella, die nicht bei der Versammlung im Dorf zugegen war, drückte er seine Axt zum Holz hacken in die Hand und sprach;
„Wir haben wieder Krieg, es sind Soldaten hierher auf den Weg und werden den Hof brandschatzen und plündern, wie sie es immer tun. Nimm das und schlag damit auf jeden dieser Räuber ein der sich dir nähert. Wenn sie dich schänden oder auch nur ein schlechtes Wort zu dir sagen, dann bist du selbst dafür verantwortlich.“
Sie sah ihn nur verwundert an, doch hätte sie solch eine Ansprache nicht überraschen sollen, es war schließlich eine Zweckehe. Mehr nicht. Er griff sich seine Heugabel.
An ihrem Wagen angekommen, tat auch Iranna alles damit möglichst wenig für die Soldaten zu holen war. Ihre Wertsachen, waren sowieso nicht dort, denn aus Erfahrung hatte sie diese bereits einen halben Tagesritt außerhalb unter einer jungen Birke vergraben. Sie spannte das Pferd aus und mit einem Klapps auf dem Hintern schickte auch sie ihr Tier möglichst weit weg. Im Wagen kramte sie ein kleines Notfallbündel hervor und gürtete sich ihre zwei Dolche um.
„Wenn die Soldaten sich gerne mit dem Plunder abgeben wollen, dann gerne.“ dachte Sie mit einem Blick auf die im Wagen befindlichen schäbigen Töpfe und alten Kleidern. Dann verließ sie den Karren und wanderte vorsichtig in einem Bogen zwischen Dorf und dem Moor um sich das treiben abwartend anzusehen.
Mit festem Tritt näherten sich zwei schwere Stiefelpaare der Eingangstür zu Rutwiks Haus. Weiterhin brannten der Rauch in den Augen und das Bett in der Ecke. Das Atmen fiel ihr immer schwerer. Mit einem Schwung wurde die Tür aufgetreten und blitzschnell stach die Alte mit dem Schwert in Richtung des Eindringenden. Sie traf den Soldaten, einen schlaksigen Gesellen mit Beckenhaube und blondem Bart an dessen Brust und drückte den Harnisch dort mit genug Kraft ein, dass er zurück fiel und keuchte. Sein Begleiter, ein junger Kerl keine siebzehn Jahre alt schmiss aus Reflex der Witwe seine Fackel entgegen, doch verfehlte er und das Stück Holz landete im brennenden Bett. Mit dem furienhaften Verhalten eines Wasserweibs begann sie zu Schimpfen und mit dem Schwert die Angreifer zu verdreschen:
„Wie könnt Ihr Halunken es wagen, eine alte Frau überfallen zu wollen! Schämt euch ihr Bande von Strauchdieben!“
„Verrückte Vettel!“ schrie der Junge panisch während er seinem Kameraden auf die Beine half und beide drohend das Weite suchten. Sie spuckte ihnen nach, wandte sich dem Moor zu und humpelte in diese Richtung, den quakenden Fröschen entgegen. Sie wurde dabei aus der Ferne von Iranna beobachtet, welche dann bedacht der Alten folgte.
Zur gleichen Zeit stand Bauer Anbort, die Heugabel fest umgriffen, auf dem Platz vor seinem Hof und dachte noch kurz darüber nach seine Milchvorräte die er eigentlich am nächsten Markttag verkaufen wollte zu verschütten. Da kam ein Quartett aus den blau uniformierten Soldaten ihm mit grimmigem Blick entgegen. Czarny knurrte aggressiv neben seinem Herrn und dieser erhob entschlossen seine Stimme;
„Verlasst meinen Hof, ihr bitte euch.“ sprach Anbort in einem sehr unfreundlichen Ton, wobei er das „meinen“ besonders stark betonte. Lachend und unbeeindruckt kamen die Gerüsteten näher und hoben drohend ihre Waffen. Dann ging alles ganz schnell.
„Fass!“ brüllte Anbort, und Czarny rannte den Soldaten entgegen,verbiss sich im Unterarm eines Bogenschützen welcher schmerzhaft aufschrie. Im selben Moment stieß der Bauer seine Gabel ins Gesicht des Kämpfers der ihm am Nächsten war und traf diesen zwischen Eisenhut und Halsberge. Daraus hervor drangen einige Spritzer Blut und ein unappetitliches Gurgeln. Der Mann begann zusammenzusacken.
„Mein Hof bleit mein!“ rief Anbort. Mit einem flinken Hieb durchtrennte ein anderer Soldat die Heugabel die noch im Kopf seines Kameraden steckte und stieß einen Kampfschrei aus. Anbort wandte den Kopf zum Haus und schrie: „Mariella, die Milch …!“ Doch stand in der Tür nur ein weiterer Kämpfer mit blutiger Schwertschneide. Der Bauer ächzte und wich noch einem Fausthieb aus, wurde aber dann umgestoßen und zu Boden gerungen.
„Ihr habt eurem Herrn keinen Gefallen getan.“ knurrte Anbort, „Ein Hof ohne Bauer ist wertlos …“
Doch der Soldat grinste nur und schlug ihm mit dem gepanzerten Handschuh ins Gesicht. Alles verschwamm und verdunkelte sich und eine warme Flüssigkeit sammelte sich in Anborts Mund. Für einen Moment sah er noch wie sich die Soldaten an Czarny abmühten, dann wurde ihm komplett schwarz vor Augen und er hörte auch nichts mehr.
Rutwik stolperte weiter in Moor hinein, die Glieder schmerzten, das Rheuma machte Ihr zu schaffen als plötzlich ein scharfer Pfiff aus ihrem Rücken sie aufhorchen ließ. Aus ihrer Denkung heraus winkte Iranna kurz und verschwand wieder im Versteck. Die Alte kniff kurz die Augen zusammen, dann folgte sie dieser Aufforderung. Miesing brannte und entsetzliche Schreie kamen aus dem Dorf. Der graue Himmel wurde durch die schwarzen Rauchschwaden immer dunkler. Zwischen Brombeerbüschen und einem alten moosüberwachsenen Baumstumpf saßen sie sich zusammen.
„Iranna, mein Schatz, was sollen wir machen? Vielleicht unser Glück im Moor suchen?“ fragte Rutwik.
„Die Soldaten werden wohl das Dorf niederbrennen, denn mit solchem Widerstand habe sie nicht gerechnet.“ Meinte die Händlerin mit Blick in Richtung der Häuser. „Doch im Moor leben Ertrunkene und Wasserweiber, nachts ist es dort besonders gefährlich. Warten wir lieber ab.“ Rutwik begann zwischen Mückenschwärmen etwas zu dösen während Iranna immer wieder aus dem Versteck lugte. Auf den Mittag folgten der Nachmittag und der frühe Abend.
***
Ein rückartige Erschütterung und lautes Poltern ließen Anbort wieder zu sich kommen. Er konnte Arme und Beine nicht bewegen, sein rechtes Auge war geschwollen wodurch er mit diesem nicht richtig zu sehen vermochte. Über ihm glitten Äste und Zweige hinweg, die Abendsonne blendete ihn als er den Kopf drehte. An den großen Flicken an der Plane die an der hölzerne Wand sah erkannte er, dass es wohl der Karren des benachbarten Bauern Piotr war auf dem er sich befand. Er legte den Kopf in den Nacken um einen Blick auf den Kutschbock zu erhaschen. Dort sah er zwei uniformierte Rücken, die leise etwas vor sich hin murmelten. Zu seiner linken machte ein bekanntes Grunzen ihn auf die Mitgefangenschaft von Hinrich dem Schmiedegesellen aufmerksam.
„Wo sind wir?“ fragte Anbort leise und presste das Kinn auf die Brust um zu sehen welchen Weg sie hinter sich gelassen hatten. Hinter dem Wagen trotten drei weitere Soldaten her.
„Wir haben das Dorf vor einiger Zeit schon verlassen, müssten aber noch in unserem Wald sein.“ flüsterte der Hüne ihm zu.
„Ruhe da hinten.“ fauchte einer der Soldaten auf dem Kutschbock. Er begann wieder mit seinem Beifahrer zu reden und Anbort spitze die Ohren.
„Jedenfalls hat sich Cedric schon etwas blamiert, sich von Bauern so etwas gefallen zu lassen.“
„Naja, das Dorf steht nicht mehr, aber den Prinzen wird das nicht beeindrucken.“ lachte der Soldat. „Sind ziemliche Bastarde, diese Dörfler, aber in ihrer Dummheit dann doch recht mutig gewesen.“
Die Vögel zwitscherten und ein Kuckuck rief. Kurz darauf ein weiterer Kuckuck und ein dritter. „Seltsam.“ dachte Anbort, da hörte er zweimal, dreimal ein scharfes Surren. Reflexartig blickte er zu Kutschbock und sah wie ein Pfeil im Hals des Fahrers steckte. Der Beifahrer schrie und sprang vom Wagen, das Pferd wieherte auf. Es begann ein Tumult in dem kleinen Tross.
„Hinterhalt!“ rief eine Stimme. Der Wagen setzte sich wieder in Bewegung. Aber zu schnell. Es gab wohl keinen Lenker mehr und das Pferd war durchgegangen. Anbort setze sich auf um die Situation zu überblicken, doch mit einem Krachen fiel der Wagen auf die Seite.
Er fiel ächzend auf seinen rechten Arm. Die Soldaten liefen wie eine Hühnerschar herum, wurden einer nach dem anderen Opfer des Pfeilbeschusses. Der letzter der Uniformierten, soviel sah Anbort aus dem Augenwinkel, wurde von einer untersetzten Gestalt mit langem Bart mit einer großen Axt in den Rücken getroffen und ging auch zu Boden.
Nachdem der Trupp am Boden war, tot oder noch wimmernd herum kriechend, huschten weitere, größere Silhouetten aus den Büschen auf die Straße. Der Bauer blieb ruhig am boden liegen ebenso der Schmiedegeselle und sie sahen wie die elfischen Krieger in dunkelgrüner Kleidung die letzten überlebenden Soldaten mit präzisen Dolchstößen töteten.
„Elfen? Hier bei uns?“ flüsterte Hinrich.
„Ist das der Tross?“ fragte einer der Elfen den Zwerg, der seine Axt aus dem Rücken des Gefallenen zog.
„Dit wees ick ned“ erwiderte dieser schulterzuckend.
„Entschuldigt werte Herren“ begann Anbort „können Sie uns denn nicht vielleicht losschneiden?“, er sprach besonders höflich.
Der Elf trabte mit gezücktem Dolch zu ihnen. Beim Losschneiden bemerkte der Bauer zwei kleine Wappen auf dem Wams des Elfen aufgenäht. Das eine zeigte drei weiße Blitze, das andere eine goldene Sonne. Beide auf schwarzem Grund. „Sollen das Nilfgaarder sein?“ fragt sich Anbort.
Hinrich grunzte und fragte, „Wie geht es dir, Anbort?“
„Wie ’nem Sack Kartoffeln.“ erwiderte dieser.
„Irenn!“ rief ein weiterer Elf den Losschneidenden „Das war der falsche Zug!“
„Dammt nomma“ kam es aus dem Zwerg „denn werma dit …“ Die Elfen würgten seinen Satz mit bösen Blicken ab.
Anbort setzte sich auf, rieb sich die Handgelenke, „Ich weiß nicht ob ich noch etwas besitze, ich kann Euch aus Dank leider nichts geben“.
Der Zwerg trat an den Sitzenden heran, blickte kurz zu dem Elfen, dann sprach er, „Bauer, weeste watt, Ihr habd uns nie jesehen.“ Anbort nickte zustimmen und das letzte was er in diesem Moment sah war wieder eine geballte Faust auf sein Gesicht zukommen.
Es war dunkel geworden, Iranna und Rutwik kamen aus ihrem Versteck zwischen den Brombeerbüschen und dem Baumstumpf am Rande des Moors hervor. Vorsichtig wanderten zu den ersten abgebrannten Häusern Miesings. Keine Menschenseele war zu sehen, der Gestank von allerlei Verbrannten lag schwer in der Luft; Fleisch, Holz, ein einfachen Leben. Die Soldaten waren wohl wieder abgezogen, tiefe Muster von Stiefelabdrücken zeugten davon. Zwischen einem Bauernhaus und einem kleinen Hühnerstall kam ein Wimmern hervor. Rutwik erkannte die dort kauernde Gestalt, es war der Knecht des Hofs, der nun noch leicht kokelnd da stand.
„Oh Melitele, Muttergöttin, warum?“ weinte der junge Mann leise vor sich her.
„Wo sind all die anderen?“ fragte Rutwik, doch sah sie nur in ein verrußtes verweintes Gesicht mit leeren Augen.
„Warum?“ flüsterte der Junge wieder vor sich hin.
Rutwik sah sich um und entdeckte nur eines ihrer Kaninchen, welches sich an einem umgefallenen Korb an den dortigen Rübenresten verköstigte.
Iranna blickte derweil die Straße entlang. Die Marschspuren der Soldaten führten in Richtung der nächsten größeren Siedlung, eine kleinere Kolonne samt Wagen war wohl in die entgegengesetzte anmarschiert.
„Wir sollten gehen.“ sagte sie zur Alten, „Am besten den Wagenspuren nach, durch den Wald.“ Rutwik nickte nur und wandte sich dem Knecht zu.
„Kommt mit uns, hier wirst du nur verungern.“, doch keine Reaktion. Sie tätschelte vorsichtig seinen Kopf, „Armer“ dachte sie.
„Warte hier, ich schaue ob ich mein Pferd finde“ sagte Iranna.
Die Händlerin sah nach den Spuren die ihre Stute hinterlassen hatte. Sie führten auch in den Wald, allerdings in Dickicht. Iranna folgte ihnen eine Weile. Sie trat auf eine kleine Lichtung, vom Halbmond schon ins Blaue getaucht. Die Erde war aufgewühlt wie bei einem Maulwurf, oder besser gesagt, einer Herde großer Maulwürfe. „Verdammt“ dachte sie und zog einen Dolch. Nun ging sie der durchwühlten erde nach, vorsichtig und mit leichtem Tritt. Ein beißender Geruch bestätigte ihre Sorge. In einem Moosbett fand sie das Pferd. Ausgeweidet, angefressen und mit langen Krallen verunstaltet.
Enttäuscht wandte sie sich ab. Als der Mond schon hoch stand kam sie an die Stelle, an der Sie zuvor ihr Bündel vergraben hatte. Mit diesem über der Schulter wandte sie sich wieder zum Dorf. Es graute als sie wieder auf Rutwik stieß, die im Schutt der Ruinen wühlte.
Iranna, schüttelte den Kopf, „Kein Pferd … ein Rudel Nekker hat es sich geholt.“ „Böse Kreaturen.“ erwiderte die Witwe und spuckte auf den Boden. Zusammen zogen sie den Wagenspuren nun nach, die Morgenröte im Rücken. Vielleicht war doch noch nicht alles verloren.
***
Außerdem habe ich noch ein kleines One-Shot an den letzten Weihnachtsfeiertagen mit Verwandten gespielt. Leider wurde das Abenteuer nicht zuende geführt und auch der folgende Bericht ist davon nur ein Teil. Als Hintergrundwelt diente ein kleines Nebenweltenbauprojekt, für klassische pseudo-mittelalterliches Fantasy.
Spoiler:
Der Grubenspuk
Ein Rollenspielabenteuer

***
VIER TAGE WAREN seit dem Mitwinterfest vergangen. Obwohl es noch früh am Abend war lag die Dunkelheit bereits über der Stadt Rüddstett. Es waren ungewöhnlich viele Fremde im Wirtshaus "Zum blauen Rössl" außerhalb der Stadtmauer, Strauchdiebe, Tunichtgute und Bauertölpel. Alle waren sie wegen dem kleinen Vermögen nach Rüddstett gekommen, denn dieses wurde versprochen, wenn man den Spuk in der Silbermine, die doch den Reichtum der Stadt verantwortete, banne und beseitige. So war es in der weiteren Umgebung an den Wegweisern und Gasthäusern der Landstraße angeschlagen worden.
***
Auch die junge Zwergenkriegerin Svenja war deswegen in der Stadt, doch aufgrund der frühen Dunkelheit am verschlossenen Stadttor abgewiesen worden. So musste sie die Nacht im "Rössl" mit den zahlreichen anderen Glücksrittern verbringen. Und auch die Elfin Rue, eine kleine drahtige Gestalt mit wilden Locken und katzenhaften Augen stand mit einem Tonbecher schalen Biers in einer Ecke der Gaststube. Sie war eine Ausgestoßene bei Ihrem Volk, hatte sie sich doch über die uralten Gesetze und Traditionen hinweg zu setzen gewagt.
Die Stube war zum Bersten voll nicht nur die Fremden, sondern auch lokale Bauern und zwergische Bergleute, die wohl zum Nichts tun verdammt waren, verbrachten den Abend dort. Es wurde geredet, gesungen und gelacht, doch die Stimmung wirkte trotzdem angespannt und unsicher.
Ein kleiner dicklicher Mann trat an Rue heran, er trug einen Reisemantel über einer schlichten Robe und eine Pelzmütze auf dem Kopf, die er zur Begrüßung aus Höflichkeit abnahm.
"Gestattet, Friedwin Butterbier, Heckenzauberer auf Wanderschaft" stellte sich der Mann mit einer leichten Verbeugung vor. Rue blickte ihn kritisch an.
"Ich nehme an Ihr seid auch hier, da man dem 100 Silberlinge versprach, wer den Grubenspuk beseitigt?" Sein Blick wandte sich von Rue weg, über die Bergleute und zu den Glücksrittern zurück zu ihr.
Derweil stellte sich ein Schankwirt, ein rundlicher bärtiger Geselle mit rotem Kopf neben Svenja, die auf einer langen Holzbank saß.
„Frau Zwerg“ brummte der Mann, „wenn Ihr nichts bestellt muss ich euch bitten zu gehen.“
„Dann nehme ich ein Bier.“ brummte Svenja zurück.
„Ich hoffe Ihr könnt das auch zahlen“ meinte der Wirt und blickte etwas unsicher zu den anderen fremden Gästen in seinem Haus.
„Natürlich.“ Ein grimmiger Blick traf den Mann.
„Entschuldigt, aber bei den vielen Fremden heute Abend …“ sagte er leise, wischte sich Schweiß von der Stirn und drückte sich zurück in die Menschenmenge.
„Ich glaube das ist nicht Eure Angelegenheit.“ antwortete Rue auf Friedwins Frage. Sie nahm einen Schluck Bier, musterte Ihn abermals kritisch über den Rand Ihres Bechers hinweg.
„Nun, ich denke, dass man als Gemeinschaft eine höhere Wahrscheinlichkeit auf Erfolg bei diesem Unterfangen hat.“ Er lächelte schelmisch.
„Selbst wenn, werter Herr Heckenzauberer, welchen Vorteil hätte es Euch als Kumpanen einzuspannen?“ erwiderte Rue. Ihre Augen verengten sich.
Wieder lächelte Friewin, hob seine rechte Hand demonstrativ. Er schnippte und mit einem Mal erloschen alle Kienspanlampen und Kerzen im Raum. Einen Moment später hörte Rue ein zweites Schnippen und alle Feuerquellen entzündeten sich wieder. Sie blickte nun in einen grinsendes Gesicht des Zauberers. Ein Raunen ging durch den Raum und verunsicherte Blicke schweiften umher. Worte wie Hexenwerk und schwarze Kunst wurden geflüstert. Rue gab sich aber unbeeindruckt.
„Das mag ein schöner Trick sein, aber was hilft so etwas gegen einen Spuk, oder in einer dunklen Mine ohne Lichtquellen?“ wollte sie wissen.
Der Mann hob erneut die Hand und nun entstand durch sein Schnipsen eine kleine Flamme direkt oberhalb seines Zeigefingers, als ob dieser eine Kerze sei.
„Und das geht auch viel größer“ Friedwin zog eine Augenbraue hoch.
„Na gut,“ meinte Rue „Ihr seid ein seltsamer Geselle, aber doch bestimmt zu etwas nützlich.“ Ein Lächeln blitze kurz in ihrem Gesicht auf.
Der Zauberer blickte an Ihr vorbei durch die weiter unruhige Menge auf Svenjas Tisch. Dort lag ihr Streihammer neben dem Becher bestellten Bieres.
„Wisst Ihr, liebe Gefährtin, es kann nicht schaden auch etwas Muskelkraft auf diese Unternehmung mitzunehmen“ sprach Friedwin und begann auf den Tisch zuzugehen, „Zudem sind 30 Silberlinge immer noch genug.“ Rue kniff die Augen wieder skeptisch zusammen und folgte ihm.
„Frau Zwerg,“ er räusperte sich. „Friedwin Butterbier, Heckenzauberer auf Wanderschaft.“ er verbeugte sich leicht.
„Gehe ich recht in der Annahme …“
„He, ich habe es gesehen!“ unterbrach ihn eine Stimme. Ein Mann in schlichtem bäuerlichem Gewand drängte sich zu den dreien.
„Du bist dieser Schwarzkünstler, welcher hier eben das Feuer gelöscht und wieder entzündet hat, ich hab’s genau gesehen.“ Bevor Friedwin etwas sagen konnte fuhr der Bauer fort.
„Und natürlich gibst du dich mit so etwas ab.“ Er blickte finster zuerst zu Rue, dann zu Svenja. „Magier, Spitzohren und Weiber von diesen Stumpflingen.“ Einer der Zwerge vom Nachbartisch blickte verärgert auf.
„Wie war das? Stumpflinge?“
„Ja, Stumpflinge!“ sagte der Bauer laut nun den Bergarbeitern zugewandt „Bestimmt habt Ihr den Spuk beschworen um uns von der Silbermine zu vertreiben.“ Die anderen Dörfler, die sich hinter ihm aufbauten grunzten zustimmend. Irgendwo wurde ein Tonbecher auf einen Tisch geknallt und ehe sich die drei versahen befanden sie sich in einer sehr angespannten Situation. Beleidigungen wurden gebrüllt und Streithähne zurückgehalten.
„Schnell. Mir nach.“ zischte Svenja und sie drückte sich an der unauffällig an den Dörflern vorbei. Friedwin folgte und auch Rue, die im Vorbeigehen dem Bauern noch geschickt seinen Geldbeutel entwendete. Auf dem Weg zur Tür entnahm sie diesem vier Kupferlinge und einen schlichte Holztalisman, den sie sich vorsichtig umhing und unter ihrer Kleidung verbarg.
„Nicht hier drin!“ brüllte der Wirt in die Menge.
Vor dem Gasthaus setzte der Zauberer wieder seine Pelzmütze auf.
„Nun, ähm. Ich würde Euch gerne einen Platz im Stroh bei meinem Maultier hier im Stall anbieten, morgen können wir gemeinsam in die Stadt, ich habe mich bereits beim Vogt anmelden lassen um meine Dienste gegen den Spuk in der Grube anzubieten.“
„Was soll dieser Spuk überhaupt sein?“ fragte Rue, „Wie soll so etwas denn aussehen?“ Svenja nickte zustimmend.
„Das wird uns wahrscheinlich der Vogt sagen können“ meinte Friedwin und wandte sich zum Stall.
„Ich denke es ist nicht so gut bei dieser anstehenden Gasthausschlägerei im Stall zu nächtigen.“ sagte Rue, und der Magier musste Ihr mit einem Blick auf einen betrunkenen Zwerges, der an der Hauswand gestützt in dieselbe Richtung wankte, zustimmen.
„Entlang der Stadtmauer gibt es einen alten Hühnerstall. Dort habe ich schon die letzten Tage geschlafen.“ Svenja und Friedwin sahen kurz einander an. Dann folgten sie Rue die dunkle Straße entlang zu ihrem Lager.

Rue und Svenja wurden vom Hahnenschrei in der Morgendämmerung geweckt. Eisiger Nebel überzog das Flusstal, in dem Rüddstett lag. Vor dem Stall stand Friedwin und fütterte gerade sein Maultier, das er zuvor aus dem Stall des Gasthauses geholt hatte, mit einem Apfel.
Die Zwergin zog sich ein paar Strohhalme aus den zu Schnecken geflochtenen feuerroten Haaren. Sie schnaufte kurz, ihr Magen knurrte. Immer noch müde und schweigend folgten beide Frauen dem Zauberer zum Stadttor. Sie überquerten eine gepflasterte Steinbrücke zu der rot-weiß gestreiften Pforte. Einer der Flügel stand bereits offen, eine Stadtwache stütze sich daneben im Halbschlaf auf Ihre Hellebarde. Friedwin zog kurz seine Pelzmütze vom Kopf, ging dann aber lautlos weiter als der Wachmann ihn nur schläfrig zunickte. In der Stadt sahen die Häuser schon etwas besser aus, keine einfachen strohgedeckten Hütten, sondern Fachwerkhäuser mit Steinfundamenten und Schindeldächern. Es war noch n nicht allzu geschäftig, die Handwerker begannen erst mit Ihren Tagwerk und die Gesellen und Hilfsarbeiter kamen erst aus den umliegenden Weilern und Vororten nach Rüddstett.
***
Also dann lasst mal von Euch hören :)
Zuletzt geändert von CNQ am So 17. Nov 2019, 12:00, insgesamt 2-mal geändert.
CNQ.
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Re: Spielberichte und Dokumentation - One-Shots, Kurzkampagnen und Spontanes

Beitrag von Minza » So 10. Nov 2019, 14:51

Ha, perfekt...

War auch toll, die alte Rutwik zu spielen ^^

Und ich hab auch gleich was: mit FFGs Genesys System haben wir schon ein Abenteuer aus einer kleinen Neanderthalerkampagne gespielt, die wir alle paar Zeiten unterhalten wollen. Ich habe geleitet, CNQ, Dyesce und ein guter Freund der hier nicht zugegen ist, haben einen kleinen Jagdtrupp gespielt. Ging ganz gut, wir haben uns ein paar Freiheiten bei der prehistorischen Interpretation genommen und schließlich hab ich das Ganze dann auch aufgeschrieben, damit wir auch noch in ein paar Jahren was davon haben :)
Spoiler:
Die Menschen vom Blauen Wald
Kapitel 1
Ein kleiner Mann auf der Hand



DIE KLEINE JAGDGRUPPE wanderte unter der hohen Sonne über die weite Auenwiese, die bis zum Großen Fluss weit über den Horizont führte. Drei Männer waren es, die nur mit dünnen Hosen und Stiefeln bekleidet durch das hohe Gras stapften. Der Boden unter ihnen war durch den Sommersturm der letzten Tage und dem damit einhergehenden langen Regen matschig und oft mit großen, flachen Tümpeln überzogen und die Mücken labten sich nur nicht an ihrem Blut, weil sie ihre nackte Haut mit einem Gemisch aus Lehm und Kräutern eingeschmiert hatten.
Die drei Männer waren vor zwei Tagen aufgebrochen und hatten zwanzig Menschen an der großen Haupthöhle ihres Stammes zurückgelassen. Dort, am Blauen Wald, hatte der Stamm die Umgebung der Höhle nach verwertbaren Ressourcen abgesucht, nachdem der Sturm endlich abgeklungen war und die Verwüstung im lichten Nadelwald erkundet werden konnte. Eine andere Gruppe aus vier Kundschaftern, das wussten sie, war in die andere Richtung gewandert. Hin zur Küste, wo das endlose Meer seine Wellen gegen die Klippen schlug. Vielleicht hatte der Sturm auch etwas an die Küste gespült. Vielleicht fanden sie dort einige Tiere, die sie erlegen konnten.
Und vielleicht waren auch hier auf den Auen die Herden seit dem Frühsommer wieder zurückgekehrt und die drei Jäger hatten Erfolg bei ihrer Suche nach Fleisch für den Stamm. Die Töchter des Großen Flusses wanden sich durch das Land und in den Teichen und auf den überfluteten Wiesen quakten die Frösche ihr Lied, um die Geister zu feiern und kleine Vögel schnappten im schnellen Flug Fliegen und Libellen.

Einige Enten flogen in weiter Entfernung aus ihrem Versteck im Schilf, zu weit entfernt, um sie mit einem Speerwurf zu treffen. Tola Ta Erm sah den drei Tieren einige Herzschläge hinterher. Er war kein großer Mann, dieser Tola, der Sohn des Großen Flusses. Aber man sah ihm an, dass er in seinen zwanzig Sommern schon viel erlebt hatte. Über seine linke Schläfe zog sich eine breite Narbe und das dunkle, volle Haar war in seinem Nacken zusammengebunden.
Er kam von einem Stamm, der tiefer in den Auen lebte. Wo die großen Büffel in großen Herden zusammen umherzogen. Warum er die Flussmenschen verlassen und einen neuen Namen angenommen, sich den Menschen des Blauen Waldes angeschlossen und ihre Sprache gelernt hatte, wusste nur er. Doch nun war er einer von ihnen. Ein Toe'el Gup. Und er stellte sicher, dass die Menschen vom Blauen Wald wussten, was sie an ihm hatten.
Tola Ta Erms Blick wanderte zu einem kleinen Wäldchen, an dessen Rand er eine Bewegung erkennen konnte. Im Dickicht, wo das Sonnenlicht wie ein Schwarm Bienen unter den Blättern tanzte. Ein Beutetier?

Auch Haruuk hatte seinen Kopf in diese Richtung gedreht und still starrte der große Mann noch lange, während die Bewegung schon verschwunden war. Stark und gestählt war sein Körper von vielen Reisen und Kämpfen und er liebte die Wildnis sogar mehr, als seine Mitmenschen. Doch die Toe'el Gup brauchten Fleisch. Wenn die Jäger nun Erfolg hatten, würden sie als Helden zurück zum Stamm heimkehren.
Tola Ta Erm nickte Haruuk zu, zeigte mit einem schwieligen Finger in Richtung des Waldrandes. Der andere Mann nickte stumm. Beide gingen in die Knie und auch der dritte Mensch folgte ihrem Tun, während Tola Ta Erm mit seiner freien Hand nun andeutete, dass sie ihr Ziel in die Zange nehmen sollten. Dann nahm er einen seiner Speere, die er in der linken Hand trug in die Rechte, testete Gewicht und Ausgewogenheit. Sie waren bereit. Bereit, gemeinsam zuzuschlagen.

Goranga Toe'el Gup blickte vorsichtig über das hohe Gras hinweg. Er war der jüngste Sohn des Anführers der Menschen vom Blauen Wald. Ein Prinz des Stammes. Doch während sein älterer Bruder nach dem Tod des Vaters die Führung über diese Gruppe übernehmen würde, war es Goranga Toe'el Gups Aufgabe, das Wissen und die Lehren des alten Schamanen zu verinnerlichen. In seine Fußstapfen sollte der Mann eines Tages treten. Schon vierundzwanzig Sommer hatte er erlebt und für einen Menschen war er feste gebaut, hatte er doch immer genügend zu essen gehabt und nur selten die Jagdtruppen seines Stammes begleitet. Aber dieses Mal hatte der alte Schamane ihn mit auf die Suche geschickt. Damit die Geister durch ihn sprechen konnten. Damit die Jäger viel Fleisch mit nach Hause brachten.
Er beobachtete, wie Haruuk und Tola Ta Erm nach vorne schlichen, vorsichtig das Gras zur Seite schiebend, immer das Unterholz des Waldes im Blick haltend. Kein Wind kühlte die warme Sommerluft und sie waren zuversichtlich, dass ihr Geruch nicht bis zu den Bäumen drang.
Dann hob ein alter Riesenhirsch sein majestätisches Haupt, das Geweih an einigen Stellen angebrochen, von trockenem, nicht vollends abgeschabtem Bast behangen. Er drehte seinen Kopf in Richtung der Menschen, kaute dann weiter auf den Trieben, die er von den Sträuchern gezogen hatte. Hier am Rand der Bäume konnte er sich zwischen den Gebüschen und jungen Pflanzen ohne große Probleme bewegen. Doch hinter ihm waren die Stämme der Birken ein unüberwindbares Hindernis, in dem er sich mit den verasteten Hornschaufeln auf seinem Haupt unweigerlich verfangen würde.
Die Geister waren den Menschen freundlich gestimmt, das stellte Goranga Toe'el Gup mit kaum hörbaren Lippenschnalzen fest. Die Jäger hatten gute Aussichten und sollte nichts Unerwartetes dazwischen kommen, würden die Toe'el Gup schon bald Hirschfleisch speisen.

Immer noch hatte das alte Tier sein Haupt erhoben, zuckte aufmerksam beim Kauen mit den Ohren, doch nun bemerkte Tola Ta Erm das linke, blinde Auge des Hirschen, milchig und den Rändern verkrustet. Auf dieser Seite würde er nur wenig sehen können, erkannte der erfahrene Jäger und langsam drehte er sich im Gras zu Haruuk, um ihm leise diese Neuigkeit zukommen zu lassen.
Der aber kämpfte gerade mit der Verschnürung seines Fellstiefels, der sich immer mehr mit Wasser vollgesogen hatte und nun bei jedem Schritt schmatzende Geräusche von sich gab. Vorsichtig zog er seinen Fuß aus dem Schutz und ließ das Fell dort liegen. Haruuk hoffte nur, das keine scharfen Splitter im hohen Gras lagen, aber er hatte schon mit schlimmeren Bedingungen zu tun gehabt.
Laut schnaubte der große Hirsch, nervös geworden, dann wieder kauend. Hatte er sie doch gewittert? Hatten sich die Jäger verraten? Tola Ta Erm sah zu Haruuk, sah seinen eindringlichen Blick den seinen treffend. Mit einer kurzen, kleinen Handbewegung deutete er an, dass er einen weiten Bogen machen wollte, um die Flanke des Tieres anzugreifen. Doch Haruuk schüttelte nur irritiert den Kopf. Er verstand nicht, was Tola Ta Erm ihm sagen wollte, erkannte der Jäger aus dem Stamm der Flußmenschen und leise grunzte er, unzufrieden mit dem Verlauf der Dinge.

Dann hob er langsam seinen Speer und Haruuk tat es ihm gleich. Noch waren sie gebückt im hohen Gras versteckt, doch erkannte der Hirsch nun die nahende Gefahr und mit einem lauten Fiepen sprang er weg von Haruuk, den er mit seinem gesunden Auge trotz des Verstecks sehen konnte. Am Waldrand rannte das alarmierte Tier entlang, weg von den hinderlichen Bäumen und so direkt auf Tola Ta Erm zu, der mit einem überraschten Laut zur Seite sprang. Doch der alte Hirsch hatte den Menschen gerade noch wahrgenommen und das breite Geweih gesenkt, riss mit einer leicht abgebrochenen Schaufel eine flache aber lange Wunde in die Brust des Jägers.
Kurz taumelte Tola Ta Erm, dann stieß er seinen Speer von unten in Richtung des großen Schulterblattes. Der scharfe Stein der Spitze drang durch Fell, Muskeln und bohrte sich zwischen die Wirbel des Tieres. Das bäumte sich gequält auf und mit langen Schritten holte Haruuk auf. Wieder war Goranga Toe'el Gup erstaunt, zu welcher Geschwindigkeit dieser Mann im Stande war.
Mit einem tierischen Laut der Anstrengung trieb er seine Waffe in die Flanke des stürzenden Hirsches, lehnte sich mit seinem vollen Gewicht gegen den sich wehrenden Körper. Sehnen rissen und Muskeln überdehnten. Knochen brachen. Mit einem schmerzerfüllten Röhren versuchte der Hirsch sich auf die Beine zu stemmen, mit seinem Geweih wenigstens einen der Menschen über ihm zu treffen. Aber sie waren zu schnell, seine Kraft schwindend. Tola Ta Erm trat auf den Hals des sterbenden Tieres und wollte schon seinen Speer ansetzen, als es sich ein letztes Mal aufbäumte. Er stolperte zurück, dann sprang Haruuk auf die Seite des Hirsches und trieb seinen Speer durch Brustkorb, Lunge und Herz.

Mit weit geöffneten Augen und zuckenden Gliedmaßen hauchte der Hirsch seinen letzten Atem ins platt gedrückte Gras, als Goranga Toe'el Gup angerannt kam. Besorgt betrachtete er die Wunde, die die breite Schaufel auf Tola Ta Erms Brust gerissen hatte, doch hatte der Mann Glück gehabt: die stark blutende Kluft ging nicht bis zum Knochen.
Schnell zog der Schamanenschüler ein Bündel getrockneter Pflanzen aus seiner Tasche, steckte sie sich in den Mund und kaute sie schmatzend und brummend, bis sie ein weicher Brei zwischen seinen Zähnen und Lippe waren. Er zog einige Bastfäden aus der Wunde, pulte den Kräuterbrei zwischen seinen dicken Lippen hervor und strich die Paste in den unregelmäßigen Riss.
Mit zusammengebissenen Zähnen ertrug Tola Ta Erms die Prozedur. Nur ein Grunzen entfuhr seiner Kehle. Als Goranga Toe'el Gup seine Behandlung beendet hatte, entspannte sich der Jäger und legte dem Anderen dankend seine Hand auf den Oberarm, tätschelte die raue Haut freundschaftlich.

Haruuk war schon mit seiner Steinklinge dabei, den Kadaver auseinanderzunehmen. Sie durften hier keine Zeit verlieren, lockte der Geruch doch unweigerlich andere Jäger als Menschen an. Von den Schwärmen an Fliegen ganz zu schweigen. Die anderen beiden Männer begann ihm zu helfen, doch war Haut und Fell an vielen Stellen nicht mehr zu retten, war es doch durch Alter und Krankheiten verdorben und auch große Stücke des Fleisches waren von Larven und Geschwüren verunreinigt.
Vorsichtig griff Tola Ta Erm in den Schädel des getöteten Tieres und holte den gesunden Augapfel heraus, sah ihn kurz stolz an und schob ihn sich dann in den Mund. Enttäuschung wanderte über sein Gesicht, als er erkannte, dass auch diese Köstlichkeit nicht mehr den erwarteten Geschmack hatte, die beste Zeit schon hinter sich hatte.
Sie schnitten so viel gutes Fleisch ab, wie sie tragen konnten, ließen den Rest für die Aasfresser liegen. Mit geübten Handgriffen befestigte Goranga Toe'el Gup einen Hinterlauf an den fein geschnitzten Schamanenstab, balancierte ihn auf seine Schulter und packte das abgenommene Geweih ihrer Beute in die freie Hand, würde es den ganzen Weg bis zu ihrer Höhle mit sich ziehen. Es wog viel, aber der junge Mann war kräftiger, als seine Begleiter es wahrhaben wollten.

Auch die anderen hatten große Stücke Fleisch gesichert und es war dämmrig geworden, als sie merkten, dass sie nicht mehr alleine am Waldrand waren. Ein Schwarm Wildgänse erhob sich warnend schnatternd aus dem hohen Gras, flüchtete mit kräftigen Flügelschlägeln in die Lüfte. Die drei Männer horchten angespannt auf und fuhren herum, als ein Knacken und Schnauben zwischen den Birkenstämmen erklang.
Fünf große, struppige Wölfe standen dort, sahen sie neugierig und mit wachem Blick an. Sie wirkten satt und gut genährt. Wenig aggressiv. Vielleicht waren noch mehr Mitglieder des Rudels in der Nähe, das konnten die Menschen gerade nicht sagen, aber sie wussten, dass jeglicher Kampf vollends unnötig war.
Vorsichtig deutete Tola Ta Erm in die Richtung, aus der sie auf ihrer Suche nach Beute gekommen waren. In Richtung des Blauen Waldes. Langsam, Schritt für Schritt, zogen die Drei los, ließen den Kadaver im Unterholz liegen und nahmen nur ihren Teil der Beute mit. Kein Blick mehr wurde den Wölfen geschenkt und bald schon hörten sie lauteres Schnuppern und ein Jaulen, den Lärm eines kleinen Gerangels zwischen gierigen Mäulern. Doch sie selbst blieben unangetastet...

Weiter in Richtung ihrer Heimat führte sie Tola Ta Erm, der die weiten Auen gut kannte und als die Nacht über sie hereinbrach, ließ er sich von den Sternen leiten und der Mond schenkte ihm genügend Licht, um seinen Weg um Tümpel und Bäche zu finden. Die Frösche sangen ihr Sommerlied und die Luft kühlte angenehm ab.
Einige Zeit war so vergangen, als sie endlich trockenen Boden erreicht hatten. Hier ein Nachtlager aufzuschlagen, war eine sinnvolle Überlegung und schon blickte sich der Jäger der Flußmenschen um, als er ein sich bewegendes Licht in der Dunkelheit erkannte. War dies ein Lagerfeuer? Nein, es schwang herum und blieb wieder stehen, bewegte sich erneut in, vermutlich sogar in Rufreichweite. Tola Ta Erm streckte seinen Arm aus und deutete auf den kleinen Schein in der Nacht.

"Scheinbar sind wir nicht die Einzigen, die hier sind," flüsterte Haruuk.

Menschen. Es mussten andere Menschen sein. Goranga Toe'el Gup nickte ihm erstaunt zu, drehte sich schon zu Tola Ta Erm, um mit ihm zu sprechen, der aber wandte sich lieber an Haruuk. Goranga Toe'el war nur der Schüler des Schamanen. Haruuk bereits ein erfolgreicher Jäger des Stammes.

"Sollen wir mit ihnen sprechen?" fragte der Flussmensch. "Oder weiterziehen?"

Haruuk blickte sich im fahlen Mondlicht um. Hier konnten sie schon ruhen, ohne Frage. Auch ein eigenes Feuer entzünden, ohne das trockene Gras in Brand zu stecken. Aber das Licht war nicht allzu weit entfernt und mit einem eigenen Feuer würden sie ihre Anwesenheit verraten. Hätten sie nicht den Vorteil des ersten Schrittes.

Er schnaubte. "Gehen wir hin. Schauen wir nach, wer es ist."

Es gab neben den Menschen des Blauen Waldes nur drei weitere Stämme in diesem Gebiet: zwei in der Richtung des Großen Flusses und von einem dieser Stämme kam auch Tola Ta Erm und sie waren Haruuk und den anderen bekannt. Und ein weiterer, von dem Goranga Toe'el Gups Vater erzählt hatte und der an der Küste nach Fischen jagte und Muscheln suchte. Bei ihrem letzten Streifzug zum Großen Wasser hatten die Menschen von Blauen Wald diesen Stamm aber nicht mehr angetroffen und niemand wusste, was aus ihnen geworden war. Sie hatten nur leere Höhlen und zerbrochenes Werkzeug gefunden.

Stumm gingen die Drei los und näherten sich so dem Licht in der Nacht, das schon bald als loderndes Feuerchen erkannt wurde. Sie hörten fremde Stimmen, laut und auf eine seltsame Art plätschernd. Beinahe flüssig. Dann verdeckte etwas Großes das Feuer und die drei Männer hielten in ihrem Schritt inne. Tola Ta Erm drehte sich zu seinen Gefährten um, machte mit seiner freien Hand Bewegungen, als würden zwei Kiefer Worte formen. Er wollte, dass auch jemand von den anderen etwas zu den Fremden sagte.
Haruuk nickte und zusammen begann die beiden Männer, in die Nacht zu rufen.

"He!"

"Wir wollen nichts Böses!"

Derweil legte Goranga Toe'el Gup das große Geweih des Hirsches zu Boden und auch das Bein ließ er ins Gras sinken. Er löste die Verankerung an seinem Stab und nur mit diesem traditionellen Werkzeug eines Schamanen machte er einige mutige Schritte nach vorne. Der kleine Tierschädel, der am Kopf des Stabes befestigt saß, reflektierte das Mondlicht auf eine unheimliche aber schöne Weise.
Ein helles Surren. Lang und wütend, wie der Flug einer Hornisse. Dann schlug neben Goranga Toe'el Gups Fuß ein seltsam dünner Speer in den Boden ein, blieb dort zitternd stecken. Mit angehaltener Luft und plötzlichem Schweiß auf der Stirn blieb der Schamanenschüler stehen.

Ein Ruf aus der Dunkelheit erklang, dann das Geräusch einer Hand auf nackter Haut. Ein Schmerzenslaut und das unverkennbare Lachen amüsierter Menschen. Immer noch stand Goranga Toe'el Gup wie festgewurzelt neben dem Speer, Tola Ta Erm stimmte aber in das Lachen aus der Nacht mit ein und so abrupt wie sie aufgeblüht waren, verschwanden die Stimmen auch wieder.
Dann schälten sich vier Menschen aus der Dunkelheit. Sie sahen seltsam und fremd aus, mit hochgewachsenem, zerbrechlich wirkendem Körperbau. Ihre Gesichter hatten kleine, schmale Nasen und spitze Kinne. Die Stirne waren hoch und ihre Brauen schützten ihre Augen nicht. Die Kleidung, in die sie gehüllt waren, war der der Menschen aus dem Blauen Wald nicht unähnlich, die Stiefel ebenfalls aus Fellen und Schnüren gebunden.
Die Fremden stutzten kurz, als sie die drei Männer sahen und Tola Ta Erm und Haruuk grüßten sie mit ruckartigem Kopfnicken, hielten ihre Speere weit von ihren Körpern, die Spitzen gen Sterne gerichtet.

Die fremden Menschen hatten keine sichtbaren Waffen und nur einer der Männer trug eine leere Lederschneide am Gürtel, in der ein kleines Steinmesser passen würde. Er stellte sich vor Goranga Toe'el Gup, sah ihn kurz neugierig an und berührte dann vorsichtig die Schulter des Anderen. In der blubbernden Sprache sagte er ein paar Worte.
Goranga Toe'el Gup nahm all seinen Mut zusammen und griff langsam nach vorne. Er berührte die Schulter des größeren Menschen, der so anders als alle anderen Menschen, die er kannte, aussah. Beide begannen, breit zu lächeln. Auch die anderen Fremden waren stehen geblieben und fassten sich an die Stirn, deuteten auf Goranga Toe'el Gup und sprachen in nicht allzu leisen Stimmen miteinander.
Dann zeigten sie in die Richtung, aus der sie gerade gekommen waren und wieder war dort das flackernde Feuer zu sehen. Einer der fremden Männer sprach etwas unverständliches, zeigte auf die drei Menschen aus dem Blauen Wald und dann in die Dunkelheit, die sie nach ihrer Jagd durchwandert hatten. Doch was wollten er genau wissen? Was sie dort draußen zu suchen gehabt hatten? Wo ihr Stamm wohnte?

Tola Ta Erm entschied sich, nicht all zu viel von sich zu verraten. "Da sind Wölfe." Er zeigte mit einem Speer in die Nacht.

Das Unverständnis auf den Gesichtern der Fremden war deutlich zu erkennen. Doch dann deuteten sie auf ihre Münder und lachten und winkten sie zum Feuer, luden sie ein, sich zu ihnen zu gesellen. Haruuk trat an Goranga Toe'el Gup vorbei und griff nach unten, zog den seltsamen Speer aus dem Boden und ging Tola Ta Erm und den anderen Menschen nach.
Goranga Toe'el Gup hob Geweih und Fleisch aus dem Gras und zwei der fremden Menschen sprangen zu ihm und halfen ihm beim Tragen, einer von ihnen mit schnalzender Zunge und einigen kurzen, harten Faustschlägen gegen den eigenen Hinterkopf. Der andere deutete auf das nahe Feuer und Goranga Toe'el Gup glaubte zu verstehen. Er senkte seinen Kopf und überließ den Hinterlauf den beiden Menschen, die es freudig zu ihrem Lager brachten.
Das flackernde Feuer war mit Mufflonhörnern und gespannten Fellen vor dem Wind gesichert und noch sieben weitere Männer und zwei Frauen saßen hier im Kreis. Alle hatten ähnlich seltsame Züge wie die ersten Fremden, die ihnen in der Nacht begegnet waren, ihre nun sichtbar dunklere Haut mit hellen Farben bemalt.

Mit eindeutigen Gesten luden die Menschen am Feuer die drei Jäger nun ein, bei ihnen zu sitzen und lachend zupften sie an deren Kleidung und der älteste von ihnen - ein alter, dünner Kerl mit weißen, krausen Haaren und Bart, über und über mit weißen Streifen und Punkten bemalt - stand nun auf und sprach laut mit den Männern, die sie hier hergeführt hatten. Er deutete auf das Fleisch, das immer noch in ihren Armen lag und eine der Frauen stand auf und nahm das kostbare Gut an sich. Goranga Toe'el Gup deutete von seiner Brust über das Fleisch hin zur Fremden und die lächelte ihn mit großen Zähnen an und trug die Keule mit ihren Kumpanen zum Feuer.
Als die drei nun zwischen den seltsam aussehenden Menschen saßen, streifte Goranga Toe'el Gup die Büffelblase vom Rücken, die ihm als Wasserschlauch diente und nahm einen Schluck des sorgsam vergorenen Saftes, das er darin gelagert hatte. Als die anderen ihm neugierig zusahen, deutete Haruuk mit Mimik und einigen Bewegungen an, dass der Inhalt scharf sei, grinste dann breit, als einer der Fremden den Schlauch neugierig an sich nahm.
Schon wollte der Mann trinken, hielt dann aber unter Goranga Toe'el Gups amüsierten Blick inne und schnupperte an der kleinen Öffnung, hustete kurz lachend. Die anderen Menschen fielen in das Gelächter ein. Der Neugierige trank, schluckte und schlug sich dann auf den Hinterkopf. Er reichte den Schlauch an den Nächsten weiter.

Die anderen Fremden hatten allerlei Dinge aus ihren Tragetaschen geholt und die zweite, jüngere Frau fixierte eine kleine Schale zwischen ihren Fußsolen, pürierte etwas mit einem schweren Stock. Wie zermahlene Leber sah es aus und es roch würzig, beinahe erdig und mit dünnen Fingern streute die Frau noch ein Pulver darüber und gab die Schale dann zu ihrem Nebenmann, der mit zwei Fingern in die Paste eintauchte und sich diese dann in den Mund steckte.
Tola Ta Erm entspannte sich. Alle schienen friedlich und er sah in die Runde, fing dann an, zuerst leise zu singen, dann immer laute. Nicht die traditionellen, gutturalen Melodien, die ihren Platz in den alten Rieten hatten, sondern fröhliche und leichte Töne. Die fremden Menschen sahen ihn irritiert an, drehten sich dann grinsend weg und schnalzten mit den Zungen. Als dann zwei von ihnen in den Gesang von Tola Ta Erm einstiegen, fingen mehr und mehr an, den Rhythmus zu untermalen. Schon bald wehte das Lied über die nächtliche Heide, während die Funken des Lagerfeuers zu den Sternen tanzten.

Haruuk nutzte die Gelegenheit, um dem Alten den kurzen Speer wiederzugeben, den er zuvor aus dem Boden gezogen hatte. Der nahm die Waffe lachend an und gab sie dem jungen Mann, der gerade noch einige Schlucke aus Goranga Toe'el Gups Trinkschlauch genommen hatte. Der alte Mann schlug dem verwunderten Jüngling ins Genick, nahm dann den Trinkschlauch an sich. Die anderen lachten und der junge Mann rieb sich die geschundene Stelle, legte den Speer dann vorsichtig neben sich, wo bereits andere Speere und ein seltsamer, kurzer Stock mit einem gekrümmten Ende ruhten.
Die erste Frau hatte das Fleisch der Keule in Scheiben geschnitten und auf dicke Äste gespießt, hängt sie nun so über die Flammen und machte dann der Zweiten Platz, die einen kleinen Behälter hervorzog und einen festen Pfropfen aus Gras herauszog. Eine grüne Paste kam zum Vorschein und eifrig schmierte sie die Fleischscheiben damit ein.
Lange saßen sie da, während Tola Ta Erm weiter über den Frühling und die Mädchen und so einige andere Dinge sang und als die Frauen den gebratenen Hirsch endlich verteilten, schmeckte er nach frischen Kräutern und kühlem Quellwasser. Die Männer des fremden Stammes schlugen sich schmatzend auf die Hinterköpfe, kauten ansonsten stumm die dampfende Köstlichkeit.

Als alle satt waren, begann die Fremden zu singen, mit lautem Zungenklicken und hohen Rufen. Einer hielt sich einen kleinen, fein bearbeiteten Zweig an den Mund und pfiff darauf die unterschiedlichsten Töne, die mit dem Gesang verschmolzen.
Entspannt kramte Goranga Toe'el Gup einen Streifen Trockenfleisch aus seiner Tasche hervor, legte zwei gedörrte Pilze auf den Fetzen und rollte das Ganze zusammen. Als er es sich in den Mund steckte und langsam und mit Bedacht darauf herumkaute, sahen ihn die anderen Menschen zuerst erstaunt und dann lachend an, doch nur noch wenig bekam er davon mit. Er kippte leicht nach hinten, blieb so im Sitzen mit nach hinten gestrecktem Kopf und offenem Mund hängen. Anscheinend kannte auch dieser Stamm die Gifte dieser Welt und wie die Schamanen sie einsetzten.

Schließlich wandten sich die Männer neben Haruuk an die zwei noch wachen Jäger und sprachen einige Worte, deuteten auf ihre Nasen und wiederholten bestimmte Sätze immer und immer wieder. Haruuk versuchte, das Gesagte nachahmen und versuchte dann zu verstehen, was sie wollten.

"Nase," erklärte er. "Das ist eine Nase."

"N'dek."

"Nase."

Namen wurden ausgetauscht und über die Aussprache gelacht und auf Schultern geklopft und weiter der Schlauch herumgereicht. Einer der Fremden war mittlerweile so betrunken, dass er den lachenden Haruuk fest in den Arm nahm und an sich drückte, alle anderen grölten amüsiert.
Als sich dann die ersten erschöpft und satt zum Schlaf hinlegten, beugte sich der alte Anführer der Fremden nach vorne, nahm einen der seltsamen Speere in die Hand und ritzte einige Rillen ins trockene Erdreich vor seinen Beinen. Haruuk und Tola Ta Erm erkannten nach wenigen Augenblicken eine Darstellung der weiten Umgebung in den Linien: die Küste und den Großen Fluss, ihre ungefähre Position. Mit dem Speer, einigen Worten und Handbewegungen zeigte der Alte, dass sein Stamm zum Meer wollte.
Mit seinem Finger zeichnete Haruuk nun Wälder und kleinere Flüsse ein und Tola Ta Erm deutete auf eine Stelle, an der es viele Bären gab. Mit Gesten und gefletschten Zähnen zeigte er dem Alten das Tier, vor dem sie sich dort in Acht nehmen sollten, doch alle sahen ihn nur unverständlich an und erst Haruuks in den Boden gezeichneter Bär ließ die Fremden wissend nicken.

Einer holte nun eine große Bärenkralle hervor und er hob sie hoch und deutete auf einen anderen Mann in der Gruppe, der aber schüttelte nur den Kopf. Der Alte sagte etwas in ihrer Sprache, aber immer noch weigerte sich der Andere und so stand der Alte auf und drückte den Mann nach unten und unter dem Lachen der anderen zog er ihm die Beinbekleidung nach unten und deutete auf tiefe Narben auf seinem Hinterteil. Mit der Bärenkralle, die der Alte nun in der Hand hielt, machte er reißende Bewegungen und lauter lachten alle.
Nur das Opfer des früheren Bärenangriffes wollte nicht in das Gelächter mit einstimmen und erst als er sich wieder seine Beinbekleidung nach oben zog und ihm Tola Ta Erm freundschaftlich auf die Schulter schlug und auf seine eigene Narbe zeigte, die quer über sein Gesicht ging, hellte sich die Miene des Fremden auf.

Goranga Toe'el Gup hörte das Meckern von Mufflons. Alles war langsam und wie wenn er unter Wasser schweben würde. Er blinzelte mit der Geschwindigkeit der Jahreszeiten und sah zu Haruuk. Erstaunlich... der Jäger hatte den Kopf eines Hirschen und alle sprachen seltsam, wie aus einem Mund und vielen Mündern zugleich. Goranga Toe'el Gup verstand sie. Verstand die Fremden und doch war immer, wenn Haruuk seinen Mund öffnete, nur ein fernes Röhren zu hören. Der Jäger wackelte mit seinen Ohren und sah Goranga Toe'el Gup mit großen, schwarzen Augen an. Was wollten ihm die Geister sagen? Er richtete sich auf, versuchte nach einem Gedanken zu greifen, der gerade aus seinem Kopf floh und starrte dann ins regungslos eingefrorene Feuer.

Haruuk saß immer noch neben dem Alten und nun deutete er neugierig auf die Speere, die so ungewöhnlich gefertigt waren. Der alte Mann nahm einen zwischen die Finger und reichte ihm dem dankbaren Jäger, der in der Hand Gewicht und Lage einschätzte, dann testweise einen Wurf andeutete. Der Alte lachte laut, stand auf und nahm den kurzen Stock, der neben den Speeren lag. Er legte einen der Speere auf den Stock, hielt beide in den Fingern und schleuderte dann mit einer schnellen Schulterbewegung und mit Hilfe des kleinen Stockes den Speer in die Dunkelheit. Es war eine Schleuder. Eine Schleuder für die Speere, erkannte Haruuk.
Die jüngere Frau fing an zu schimpfen und der Jäger sah sie kurz erstaunt an. Dann griff er nach einem weiteren Stück Fleisch, das sie bei sich getragen hatten und hielt es dem alten Mann hin, deutete gleichzeitig auf die Speere und die Schleuder. Der Alte holte nun ein scharfes Obsidianmesser hervor und deutete damit Schnitzbewegungen an. Als Haruuk nicht gleich verstand, nahm sein Gegenüber einen der Speere in die Hand und zeigte damit auf die Frau, die ihn mit gerunzelter Stirn ansah. Leise aber mit deutlichem Missfallen in der Stimme sprach sie einige für Haruuk unverständliche Worte, doch der Alte grinste sie nur an und schüttelte seinen Kopf.

Goranga Toe'el Gup kicherte. Auf der Handfläche des Alten stand ein kleiner Mann und wurde von dem fremden Menschen mit einem Finger über den Kopf gestreichelt. Der Anblick war großartig. Witzig und faszinierend zugleich. Wo hatte der kleine Mann die Reise über ausgeharrt? Wollte er auch von den Pilzen naschen, die Goranga Toe'el Gups Geist vernebelten? Was wollten die Geister dem Schamanenschüler überhaupt mit all dem sagen?
Zufrieden ließ er sich zurück fallen und seufzte Farben aus, die sich mit der Nacht paarten und zu Sternen wurden, die in der Dunkelheit zu tanzen begannen.

Tola Ta Erm sah von Goranga Toe'el Gup zu Haruuk, schmatzte laut und trank den beinahe geleerten Schlauch trocken. Glücklich mit sich und der Welt beobachtete er, wie der Alte Haruuk nun ein ganzes Bündel der seltsamen Speere hinstreckte, sie schüttelte und dann auf die junge Frau deutete, die immer noch vor sich hin schimpfte. Der Alte nickte eindringlich.
Haruuk überlegte kurz. Dann nahm er das Bündel und reichte der Frau das Fleisch, die verdrehte seufzend die Augen und begann dann damit, die Stück Hirsch in ein Fell einzuschlagen, das neben ihr lag. Der Alte klopfte Haruuk auf die Schulter und laut lachte Tola Ta Erm auf und begann erneut zu singen. Die Männer, die noch wach waren, stimmten in sein Lied ein und nur Goranga Toe'el Gup blieb schweigend liegen.

Er beobachtete die Herde Sternenhirsche, die durch die Dunkelheit zog, über helle Lichter sprang und sich ineinander floss. Die Hirsche sangen vom Wald und dem Wind und den Bergen und dem Fluss und seufzend schloss Goranga Toe'el Gup seine Augen.

Als er sie wieder öffnete, war es morgen geworden und sein Mund schmeckte nach Erbrochenem. Seine Augäpfel, seine Zunge und sein ganzer Kopf schmerzten. Er stützte sich auf seine Elbogen und sah sich angestrengt um. Die Feuerstelle war abgebaut, die Glut nur noch schwach am glimmen. Von den anderen Menschen war keine Spur zu sehen und nur seine beiden Gefährten standen am Rand des hohen Grases und blickten in die Ferne. Ihren Köpfen schien es gut zu gehen.
Er erhob sich schwerfällig und und wankte hinüber zum Geweih, das immer noch auf dem Boden ruhte. Daneben das Fleisch, das sie nicht dem anderen Stamm geschenkt hatten. In Haruuks Griff erkannte er die Speere, die der Jäger im Handel mit dem Alten erstanden hatte. Dann fiel sein Blick auf die junge Frau, die am Rand des ehemaligen Lagers auf einer Grasmatte saß. Sie sah unglücklich auf ihre nackten Füße und wackelte mit ihren Zehen.
Er starrte sie ungläubig an, stellte sich dann neben Tola Ta Erm und Haruuk, die immer noch mit ihren Augen die Heide absuchten. Auch er sah keine anderen Menschen dort draußen und mit aufgeregt begann er, von seiner Vision zu erzählen. Vom kleinen Mann auf der Hand des Alten. Von der Bedeutung dieses Geistertraums.

"Und was bedeutet es genau?" wollte Haruuk abwesend wissen.

"Das muss ich den Schamanen zuhause fragen."

Die beiden Jäger senkten ihre Köpfe und wandten sich ihrem Besitz zu. Den anderen Stamm würden sie so schnell nicht wieder begegnen, das war ihnen bewusst. Während sie alles auf ihre Schultern packten, hob sich Goranga Toe'el Gups Stimmung weiter. Er wirkte aufgeregt.

"Und Haruuk... Du hattest den Kopf eines Hirsches. Und Du... nein... Tola Ta Erm... röhrte wie ein Hirsch."

Tola Ta Erm sah ihn kurz amüsiert an und flüsterte, seinen Kopf in Unglauben schüttelnd: "Schamanen..."

"Ich glaube," fuhr Goranga Toe'el Gup fort: "dass bald eine Herde am Blauen Wald vorbeiziehen wird. Dass wir uns keine Sorgen um Fleisch machen müssen."

"Sehr schön," seufzte Haruuk. "Dann hat sich der Tausch ja gelohnt."

Er blickte zur Frau, die mittlerweile aufgestanden war. Sie murmelte etwas in ihrer Sprache, löschte die Glut mit Erde und rollte die Grasmatte zusammen. Dann begann sie, eine lederne Tasche zu packen.

Haruuk ging auf sie zu. "Guten Morgen."

"A tu wa i."

"Ja, deine Leute sind abgehauen."

Die Frau deutete über die Heide.

"Ja, weg." Er schüttelte seinen Kopf. "Ohne Dich."

"Ti le ila."

Haruuk sah sie gequält an. "Gehörst Du jetzt uns?"

Die Frau verdrehte die Augen, rollte die Grasmatte wieder aus und setzte sich darauf. Tola Ta Erm kam zu ihnen.

"Wollen wir einfach zum Stamm ziehen? Und wenn sie uns folgt..." Er ließ den Satz unvollendet. "Wenn sie ein Geschenk ist, muss sie uns ja folgen."

"Dann werden wirs schon merken."

Tola Ta Erm nickte. "Wäre mein Vorschlag."

Auch Goranga Toe'el Gup stand nun vor ihr und sah sie an. Sein Blick wanderte zu Haruuk.

"Hast Du die gekauft?"

"Ich glaube nicht..." Haruuk legte seine Stirn in Falten. "Ich habe... so eine Speerschleuder gekauft..." Er hob die Waffen und zeigte sie dem Schamanenschüler.

"Davon haben die Geister mir nichts gesagt." Goranga Toe'el Gup überlegte kurz. "Der kleine Mann auf der Hand hat davon nichts gesagt."

Tola Ta Erm atmete tief ein, nahm seine Sachen hoch und sah die anderen erwartungsvoll an. Haruuk schüttelte noch einmal seinen Kopf und überprüfte die Feuerstelle nach letzten Glutresten. Goranga Toe'el Gup trat vor die Frau und streichelte ihr über den Kopf, so wie der Alte in der Nacht den kleinen Mann gestreichelt hatte. Was hatte das alles zu bedeuten?
Neugierig beobachtete Haruuk, wie sie reagieren würde. Sie saß mit dem Kinn zwischen den angezogenen Beinen und kurz hob sie ihren Blick, sah Goranga Toe'el Gup seltsam an und presste dann Luft zwischen ihren Lippen hervor.

"Ob die bei denen als hübsch galt?" überlegte Haruuk laut. "Die sahen ja alle ein wenig..."

"Komisch aus," beendete Tola Ta Erm den Satz. "Ich weiß. Viel zu hohe Stirn."

"Und hinten gar nichts."

"Und die Nase von denen."

Nun wollte auch Goranga Toe'el Gup in das Gespräch einsteigen. "Habt Ihr deren Augenbrauen gesehen?"

"Ja," gab Haruuk zu. "Nichts da. Und das Kinn! So viel Kinn und die dunkle Haut und diese hellen Augen." Er sah die Frau unglücklich an. "Ist sie blind? Nein, sie hat uns ja angeschaut. Die ist nicht blind."

Wieder war die Frau dabei, ihre Grasmatte zusammen zu rollen und an ihre Tasche zu schnüren. Erwartungsvoll stellte sie sie sich vor die Männer. Die sahen sich amüsiert an und zogen dann langsam los, um zurück in ihren Heimatwald zu gelangen. Die Frau ging ihnen hinterher und schloss letztendlich zu Haruuk auf.
Immer wieder berührte sie die Speere und Schleuder in seiner Hand und schließlich streckte er ihr die Waffen hin. Sie nahm sie wortlos, schulterte die Schleuder und trug die Speere in ihrer Hand, ging weiter neben ihm her. Sie wirkte so, als würde sie sich mit diesen Dingen wirklich auskennen, das musste Haruuk zugeben.

Aufmerksam blickten sich die Jäger auf dem Weg um. Sie hatten eine große Menge ihrer Beute an den fremden Stamm gegeben und da sie nun einen Mund mehr zu füttern hatten, war Fleisch umso wichtiger. Als sie an einem dichten Schilffeld am Rand eines kleinen Moorsees vorbei marschierten, zuckten sie plötzlich zusammen, als ein helles Zischen über ihre Köpfe flog. Die Frau eilte dem Geräusch hinter, verschwand im Dickicht und kam nur wenige Augenblicke später mit einer toten Gans wieder zum Vorschein. Im Hals des Vogels steckte einer der kurzen Speere.
Ein normaler Schaft hätte den Hals gänzlich zerfetzt, die schmälere Waffe aber war treffsicher und dünn genug, um noch in der Beute zu stecken, während die Frau sie zu den Jägern brachte.

"Guter Schuss," brummte Tola Ta Erm ihr erstaunt zu, als sie den Speer aus dem Hals zog und die Gans Goranga Toe'el Gup überreichte.

Der legte das Geweih auf den Boden, bedankte sich mit einer weit ausholenden Geste und band die Beute dann an seinen Stab. Sie setzten ihre Reise fort und nun war es Haruuks Rolle, immer wieder auf die Speere der Frau zu deuten. Als er ihre Aufmerksamkeit hatte, imitierte er Wurfbewegungen, hatte sich aber schon mit dem Gedanken abgefunden, dass er den Preis seines Handels so schnell nicht wieder bekommen würde.
Als sie endlich Rast machten, während die Sonne am höchsten stand, nahm die Frau Haruuk zur Seite und zeigte ihm, wie man die Speere auf die Schleuder auflegte und wie man sie vor dem Wurf mit den Fingern stützte. Langsam bekam Haruuk ein Gefühl für die neue Waffen und während er Speer um Speer in die unmittelbare Nähe eines alten Baumstumpfs warf, huschte sogar ein ungewohntes Lächeln über das Gesicht seiner Lehrerin.
Der Schamanenschüler setzte sich zu ihnen.

"Goranga Toe'el Gup. Goranga. Goranga."

Haruuk hielt in seinem angesetzten Wurf inne, drehte sich dann zur verwunderten Frau, die ihren Kopf schief gelegt hatte.

"Haruuk. Haruuk."

Erkenntnis blitzte in den größer werdenden Augen auf und sie deutete auf ihre schmale Nase.

"Arra."

"Arra," wiederholte Harruk langsam und nickte.

Tola Ta Erm schmunzelte. "Das heißt vermutlich 'Nase'."

Er sah zwischen Goranga Toe'el Gup und Haruuk hin und her und hoffte, dass sie die Bemerkung lustig fanden. Er war noch neu im Stamm und benötigte den Anschluss, versuchte ständig, Freundschaften zu festigen und Vertrauen aufzubauen. Als die beiden Männer lachten, entspannte er sich und fiel ins Gelächter mit ein. Kurz sah ihnen Arra verständnislos zu, dann begann auch sie vorsichtig und mit heller Stimme zu glucksen.

Sie nahmen ihre Sachen und marschierten in Richtung des Blauen Waldes davon...
Have fun storming the castle,
Minza

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