Technosozialismus im transhumanen Rollenspiel

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Fred
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Technosozialismus im transhumanen Rollenspiel

Beitrag von Fred »

Bei Transhuman Space oder Eclipse Phase etc. gibt es häufig alternative Wirtschafts- und Gesellschaftsformen, z.B. Reputationsökonomie, Anarchokapitalismus oder Infosozialismus. In Dietmar Daths "Niegeschichte" las ich, wie eine SF-Autorin im Roman die Verwirklichung des Sozialismus mittels zukünftiger Technologie beschrieben hat.

Ich könnte mir eine transhumanen Sozialismus wie folgt vorstellen: Die Planwirtschaft wird von KIs gesteuert, die individuelle Bedarfsermittlung erfolgt über individuelle private KI-Assistenten. Geistiges Eigentum gibt es nicht. Eine post-scarcity Economy (basierend auf Fusionskraftwerken, quantitativen Massenspektrometern zur Elementgewinnung und Nanoprintern, die der Allgemeinheit gehören) macht menschliche Arbeitskraft im Primär- und Sekundärsektor eh überflüssig. Im Dienstleistungsbreich gäbe es KI-gesteuerte Roboter, die jedoch qualitativ nicht automatisch alle menschliche Arbeit übernehmen können (sonst wären es sapiente Genossen mit menschlichen Rechten, die nicht ausgebeutet werden dürfen). Die im Tertiärsektor daher noch notwendigerweise tätigen Menschen wären aber in der Lage, durch Tachydidaktik und/oder Skillware jede beliebige Arbeit zu verrichten (keine Arbeitsteilung). Über ein Netzwerk kann sich jeder Genosse über benötigte (und freiwillig zu leistende) Arbeit informieren und diese ggf. per Teleoperation ausführen.

Damit das auch funktioniert, haben alle Genossen einen "Utopian" Genmod (Homo humanus), nämlich kurze 5-HTTLPR Allele. Diese begünstigen sozioemotionales Verhalten (https://www.sciencedirect.com/science/a ... 8215001400) und sorgen überdies für eine typische negative sozialistische Grundstimmung in der Gesellschaft.

Denkbare technosozialistische Errungenschaften wären z.B. gentechnisch modifizerte Gurken, die aussehen wie Bananen, und Flugautos aus Plastik.
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Informat
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Re: Technosozialismus im transhumanen Rollenspiel

Beitrag von Informat »

Vermute mal du meinst Sozialismus kommunistischer Prägung. Da wäre noch die moralische Überhöhung der Arbeit und die Ablehnung bürgerlichen Verhaltens wichtig. Auch gehören die Produktionsmittel in die Hand der Arbeiter (und nicht die der bürgerlich (weil von Eierköpfen erdacht) dekadenten (weil die ja gar nicht verstehen können, was körperliche Arbeit ist) KI.

Sinnvoll kann auch die Durchplanung des ganzen Lebens (Jugendorganisation, Zuteilung der gesellschaftlichen Aufgabe, Arbeitspflicht, Auswahl möglicher Lebensabschnittspartner vor dem Hintergrund der Sozialhygiene und der biologischen Zuchtwahl, ...) sein. Insgesamt vielleicht wie Paranoia, nur mit teilweise vertauschten gut/böse-Rollen.
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Fred
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Re: Technosozialismus im transhumanen Rollenspiel

Beitrag von Fred »

Informat hat geschrieben:
Do 2. Jan 2020, 16:25
Vermute mal du meinst Sozialismus kommunistischer Prägung.
Ja, oder auch reinen Kommunismus. Da wüsste ich aber nicht, wie gesamtgesellschaftliche Entscheidungen getroffen werden. Darf zum Schaden anderer abgestimmt werden, oder sind alle immer einer Meinung?

Wenn zudem jeder über eine Replikator verfügt (Produktionsmittel), darf es dann doch Privateigentum bleiben, oder? Weiß nicht recht, ob Kommunismus in einer SF Welt sinnvollerweise vorstellbar ist.
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Re: Technosozialismus im transhumanen Rollenspiel

Beitrag von Informat »

Fred hat geschrieben:
Fr 3. Jan 2020, 01:05
Da wüsste ich aber nicht, wie gesamtgesellschaftliche Entscheidungen getroffen werden. Darf zum Schaden anderer abgestimmt werden, oder sind alle immer einer Meinung?
Der Klassiker wäre die Räterepublik, die sich in einer digitalen Welt evtl. ausreichend effizient realisieren lässt. Und natürlich sollten Entscheidungen gegen den Willen einzelner getroffen werden können - wie lassen sich sonst die SC ins Abenteuer schicken? Und wie sonst können asozialistische Elemente bestraft werden?
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Fred
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Re: Technosozialismus im transhumanen Rollenspiel

Beitrag von Fred »

Es würde sich die Frage stellen, wie man bei einem Rätesystem verhindert, dass es aufgrund fehlender Gewaltenteilung automatisch zur Diktatur kommt. Ggf. könnte zumindest die Jurisdiktion wieder von KIs übernommen werden, um Unabhängigkeit in diesem Bereich zu gewährleisten. Die KIs könnten in Robotkörpern gehostet werden, damit sie als normale Mitglieder der Gesellschaft angesehen werden können.
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Re: Technosozialismus im transhumanen Rollenspiel

Beitrag von Informat »

Bei transhumanem Setting wäre auch zu bedenken, ob unsterbliche ewig auf ihren Ämtern hocken dürfen (a la Perry Rhodan als Großadministrator) oder ein Amt nur einmalig für ein (?) Jahr oder nur alle X Jahre ausüben dürfen, und ob jede Kopie einer Person alle politischen Rechte hat oder die Kopien sich erstmal auf einen Standpunkt einigen müssen (z.B. Rat des Fred vertritt alle Fred der Vereinigten Kosmischen Räterepubliken).
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Re: Technosozialismus im transhumanen Rollenspiel

Beitrag von Fred »

Ein Unsterblicher könnte zumindest theoretisch jederzeit aus einem Rat abgewählt werden.

Aber Unsterblichkeit und Kopien könnten nützlich sein für eine kommunistische Gesellschaft. Arbeitsteilung ist in einer solchen verpönt, weil sie Tauschhandel impliziert, die Trennung von physischer und geistiger Arbeit verursacht und die Menschen verdummt. Ein Genosse muss daher alles können, darf aber nichts sein. Die Kopien eines Transhumanen könnten nun gleichzeitig alle möglichen Berufe lernen (da dieser unsterblich ist, hätte er auch alle Zeit der Welt dafür) bzw. an allen Schritten eines Produktionsprozesses beteiligt sein. Die Kopien würden z.B. am Ende des Tages miteinander verschmolzen werden oder stünden ständig über Brain-Computer-Interface in Kontakt miteinander im Sinne eines Hive Minds. So kommt es nicht zur Entfremdung des Individuums von der Arbeit durch Arbeitsteilung.

Sollte nun jemand nicht das Interesse dafür aufbringen, eine bestimmte Tätigkeit zu lernen oder auszuführen, so könnte eine Kopie durch einen induzierten Autismus ("Fokussierung") dazu gebracht werden, nur noch diese Tätigkeit zu sehen und nichts anderes mehr, bis die Tätigkeit gelernt/getan wurde.

Eine weitere Frage wäre, ob eine Gesellschaft psychohistorisch (kliometrisch) in Richtung Kommunismus gedrängt werden darf. Schließlich ist die Entwicklung hin zum Kommunismus (bzw. die alternative "Zerstörung" der Gesellschaft im Klassenkampf) ja eine aus dem historischen Materialismus abgeleitete Notwendigkeit und kein geschichtliches Ziel im Sinne einer Ideologie. Ein guter Marxist könnte aber sicher argumentieren, dass die psychohistorische Förderung des Kommunismus (und vor allem die gesellschaftliche Destabilisierung anderer Gesellschaftssysteme!) einfach eine Manifestation des Klassenkampfes wäre, und daher nicht nur zulässig, sondern unvermeidlich.

Wäre dann aber eine Arbeiterklasse aus fokussierten Menschen oder Robotern noch ein legitimes Ziel für eine psychohistorische Befreiung?

Ein anderer Gedanke: In einem Far Future Setting könnte eine bestimmte Kosmos-Befreiungsphilosophie die sentienten Subprozesse eines (Alien?) KI-Hiveminds zu der Ansicht bringen, dass Rechenzeit ein Gemeingut für alle und nicht dazu da ist, von höheren Prozessen akkumuliert zu werden.
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Re: Technosozialismus im transhumanen Rollenspiel

Beitrag von Informat »

Das mit dem Tauschhandel versteh ich nicht. Sagen wir X und seine 500 Kopien stellen die schönen Plaste-Flugautos Marke Roter Stern her. Dann braucht dieses Kollektiv doch immer noch andere, die die Grundstoffe/Halbzeuge für die Produktion und die anderen Konsumgüter für den Konsum erzeugen, und das Erlangen der Konsumgüter und Vorprodukte stellt doch auch implizit einen Tauschhandel dar; die einzige Alternative wäre, das X und seine 500 000 000 Kopien ein komplettes Wirtschaftssystem betreiben, nur dann braucht dieses gar keine anderen Menschen / Intelligenzen. Auch hatte ich mal Kommunismus als "alle haben den Lebensstandard, den sie haben wollen, und arbeiten nur das, was sie wollen und nur so viel/lange wie sie wollen" verstanden, d.h. es ist erst mal für jeden gesorgt, tätig wird der Einzelne eher aus Interesse/Langeweile/Berufung - von den Welten der SF, die ich kenne, kommt Banks "Kultur" diesem Zustand noch am nächsten, wobei die Menschen politisch da nicht wirklich was zu sagen hatten.
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Fred
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Re: Technosozialismus im transhumanen Rollenspiel

Beitrag von Fred »

So ganz verstehe ich es auch nicht :) Es ist prinzipiell kein Tausch, sondern jeder erledigt die Arbeit, die zu tun ist und auf die er Lust hat, glaube ich. D.h., es ist kein quid pro quo. Über Teleoperation könnte jemand auch jederzeit jede beliebige Tätigkeit für jedes beliebige Kollektiv ausführen. Z.B. könnte Kopie X1 Propeller an den Roten Stern schrauben, während X21 den Jahresplan für die Produktion der Handgranate vom Typ "Kolchose" für ein anderes Kollektiv erstellt.
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Die Avantgarde der Arbeiterklasse

Beitrag von Fred »

Die Avantgarde im Sinne Lenins soll das Proletariat führen. Denkbar wäre ein Brain-Computer-Implantat, auf dem die Mind Emulation eines kommunistischen Führers oder ein entsprechendes Eidolon (eine historische KI-Simulation) läuft, ein Advisor. Der Advisor kann seinen Träger durch einen Medial forebrain pacemaker erziehen. Wenn der Träger etwas macht, was im Sinne der Avantgarde ist, erfolgt eine Opioidausschüttung. Macht er etwas tadelnswertes, könnte ein negativer Reiz erfolgen, oder der Advisor ruft externe Hilfe herbei, um den Träger wieder nutzbringend in die Gesellschaft zu integrieren. Wer würde sich weigern, den guten Lehrer schlechthin ständig in seinem Kopf zu haben? Nur jemand, der einen solchen Lehrer wirklich benötigt.
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